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Von Selfie-Queens, Pfingstrosen-Drapierern, Coffee-to-Go-Becher-Haltern und dem vermeintlichen Blog-Erfolgsrezept

Von Selfie-Queens, Pfingstrosen-Drapierern, Coffee-to-Go-Becher-Haltern und dem vermeintlichen Blog-Erfolgsrezept

Es gibt Blogposts, die schreibt man in einem Rutsch. Und dann gibt es wiederum welche, an denen bastelt man ewig. Schreibt einen Absatz, löscht ihn wieder, beginnt von neuem. Und fragt sich, ob man das überhaupt schreiben soll oder will. Ja, ich will. Denn es ist etwas, worüber ich immer wieder nachdenke.

Vor ein paar Tagen war ich bei einem Business-Lunch mit einer befreundeten Kollegin. Da waren mega wichtige Leute. Oder lasst es mich so sagen: Da waren Leute, die sich für mega wichtig hielten. Und die wichtigsten waren die, die den Raum betraten, die Designertasche oder die Schweizer Armbanduhr zurechtrückten und auf Knopfdruck das Strahlelächeln anmachten. Einige davon kenne ich privat und nicht bei allen ist die richtige Welt in Wahrheit so durchgestyled, so perfekt, so makellos. Und plötzlich, inmitten all der Mein-Haus-mein-Auto-mein-Job-Gespräche, ging mir ein Licht auf. Ich war in ein „lebendiges Instagram“ geraten. Als hätte jemand den überbelichteten Pastellfilter angeschaltet, alles perfekt im rechten Winkel drapiert, die nicht so hübschen Dinge zur Seite geschoben oder achtlos in eine Ecke geworfen.

Und am selben Abend saß ich dann zuhause auf der Couch, eine Tasse Tee in der Hand und mein Kopf ratterte. All die Leute dort, die von den anderen als so wahnsinnig erfolgreich wahrgenommen wurden, hatten sich zum Teil ganz anders dargestellt als sie sind. Sie haben die Wirklichkeit ein bisschen verdreht, ein ganz kleines bisschen geschummelt und Aufträge größer gemacht als sie vielleicht sind. Muss man das tun um erfolgreich zu sein? Ist das das Erfolgsrezept? Wenn ich mein Umfeld so betrachte, dann fällt mir genau das gar nicht so selten auf. Der geleaste Porsche, der riesige Fernseher auf Raten. Oder die teure Designertasche auf Instagram, die nach den Fotos zurückgeschickt wird. Vielleicht ist genau das das – gar nicht so geheime – Blog-Erfolgsrezept? Jemand sein, der man nicht ist. Etwas darstellen, was der Wirklichkeit so gar nicht entspricht. Sind es nicht genau die Blogger oder Instagramer mit den vielen, vielen Followern, die täglich irgendwelche Designerteile in die Kamera halten, jeden Tag fancy Essen aus teuren Restaurants nebst teuren Drinks oder das tausendste dauergrinsende Photoshop weichgezeichnete Selfie posten? Die, die eh schon 100k Follower haben und sich trotzdem gegenseitig shoutouten? Muss man so sein um Erfolg zu haben? Muss ICH so ein?

Vielleicht sollte ich mir andere „Blogger-Freunde“ suchen. Nicht mehr die, mit denen ich mich persönlich so gut verstehe und mit denen gemeinsame Projekte Spaß machen. Sondern die, die „fame“ sind. Die Selfie-Queens, die Dauergrinser, die Pfingstrosen-Drapierer, die Photoshop-Weichgezeichneten und Coffee-to-Go-Becher-Halter. Die, die jeden Post mit einem Foto von sich selbst versehen, egal um welches Thema es geht. Und plötzlich trifft mich eine Erkenntnis wie der sprichwörtliche Schlag auf den Hinterkopf und ich spucke fast meinen Tee auf die Tastatur – den ich übrigens gar nicht fancy aus einer Tasse mit schon halb verschwundenem Werbeaufdruck trinke. (Notiz an mich: Hübsche Tasse kaufen). Ich bin auch so. Ich drapiere Pfingstrosen, ich mache Selfies und fotografiere mein Essen. Will ich so sein? Nein! Muss ich so sein? So wie es aussieht irgendwie schon. Schlimm, oder?

 

16 comments

  1. Das ist ein ehrlicher Text. Aber ich finde, man sollte sein wie man ist. Wenn man etwas vortäuscht, muss man dieses Konstrukt immer aufrecht erhalten und gut merken, was man wem erzählt. Es gibt zwar den Spruch „Fake it, till you make it“ aber am Ende kommt doch immer irgendwie die Wahrheit raus und man steht vor anderen blöd da.

    1. Ja, das sehe ich auch so. Ich würde es wohl nicht schaffen, ein Konstruk über Jahre aufrecht zu erhalten. Aber ich denke, dass manche Leute glauben, sie müssen es, um erfolgreich zu sein. Dabei finde ich oft die (richtige) Persönlichkeit hinter Blogs viel interessanter.

  2. megagut geschrieben! und ich befürchte, dass du gar nicht so unrecht hast…
    lg carina

  3. Ich stimme zu der Text ist sehr ehrlich, aber ob du so sein must?
    Nein!
    Es ist nur die Frage was dir am wichtigsten ist, je nach Antwort denk ich kommst du zu einem anderen Ergebnis.

    LG Ally

    1. Ich denke, ich habe meine Antwort für mich schon gefunden. Ich liebe schöne Dinge und ich hätte wohla uch Blumen und hübsche Deko, wenn ich keinen Blog hätte. Deshalb wird man diese Dinge wohl immer auf meinem Blog oder Instagram sehen. Meine Leser müssen dann wohl entscheiden, ob es ehrlich rüber kommt oder gefaked wirkt. Ich hoffe, ersteres.

  4. Du musst nicht so sein, aber trotzdem kann man doch die schönen Seiten teilen. Ich finde das Fotografieren von tollen Blumen nicht unbedingt Instagram-mäßig, denn das habe ich vorher auch schon gemacht. Nur nicht mit meinem Smartphone sondern mit meiner Digicam. Die schönsten Fotos habe ich Freunden oder Familie gezeigt…aber klar du hast Recht, es gibt so viele Accounts bei denen man einfach zu 99% weiß, dass alles gefaket und unreal ist und ich bin stolz darauf, dass ich nicht so einer bin! Meine Fotos sind nicht immer perfekt, es befindet sich auch mal ein Krümel an einer Stelle wo keiner sein soll..aber das macht mich aus, denn ich bin ebenso wenig perfekt wie mein Leben!

    Lg Jenny

    1. Ja, das sehe ich wie du. Ich habe hunderte Blumenfotos auf der Festblatte, wahrscheinlich schaffen es gerade 0,1% auf Instagram. Meine Fotos sind auch bei weitem nicht immer perfekt, ich mag sogar das nicht-perfekte auf Instagram so gerne. Weil es ein kleiner Blick ins wahre Leben eines Menschen ist und das eben einfach nicht immer perfekt ist.
      Klar möchte ich schöne Blogfotos machen, ich denke das möchte jeder, auch wenn man keinen Blog hat. Aber ich denke auch, dass man es übertreiben kann und das möchte ich nicht.

  5. Es stimmt schon, man erwischt sich oft dabei, dass man z.B. Dinge postet, die viele andere auch posten. Aber das finde ich gar nicht schlimm. Denn erstens weiß ich trotzdem, dass es mir gefällt und dass es wiederum andere Dinge gibt, die total beliebt sind, mir aber nichts bedeuten (und die ich dann auch nicht poste) und zweitens gibts immer noch die Möglichkeit, sich daraus einen Spaß zu machen und das alles mit Humor zu sehen 🙂 Das mache ich zum Beispiel gerne – und ich nehme mich auch gern selbst aufs Korn 🙂

    1. Deine Einstellung finde ich super. So ähnlich sehe ich das übrigens auch und finde es gut so. 🙂

  6. Melanie P. says:

    Klar drapierst du die Pfingstrosen, aber das machst du ja auch wenn du sie nur zu Hause in die vase stellst auch! Und ich finds gut dass du auch selfies machst, immerhin sehen wir dich dann auch. Verstellst du dich für sie selfies? Das denk ich nicht 🙂 achja und gibts echt Blogger die nur Designertaschen für ein Foto bestellen und dann zurück schicken oder war das überspitzt? 😉

    1. Ich seh auf meinen Selfies tatsächlich so aus, wie ich in Wirklichkeit aussehe. Auch auf meinen Blogfotos, da schminke ich mich nicht extra noch aufwändig dafür oder mache mir tolle Frisuren, die ich sonst nie trage (würde ich gar nicht können, mit meinen zwei linken Frisur-Händen). 😉
      Und du hast recht, auch wenn ich kein Instagram-Foto davon machen würde, würde ich meine Blumen trotzdem hübsch in der Vase drapieren und nicht einfach reinstopfen.
      Die Designertaschen-Aussage war (leider) nicht überspitzt, das gibt es unglaublicherweise wirklich. :-/

      1. Melanie P. says:

        Siehst du, bist eh voll authentisch! 🙂 Und du könntest deine Reisen und co auch für dich behalten und die schönen Fotos mit den tollen Sonnenuntergängen, aber du teilst das alles. Allein das find ich schon cool!
        Ach ok…ich muss kurz zu Amazon und eine Michael Kors Tasche für ein Instagram Foto bestellen! 🙂

  7. Ein sehr, sehr guter und ehrlicher Beitrag, uns geht es da auch so wie dir, wir versuchen nicht so zu sein wie viele andere, sondern uns etwas abzuheben, aber manchmal fällt es einen schon sehr, schwer, man lässt sich da leider sehr leicht mitreißen. Bleib so wie du bist und verstelle dich nicht!
    Liebe Grüße
    Alnis
    http://alnisfescherblog.com

  8. Oh Gott – das mit dem „Designer-Taschen-bestellen-und-wieder-zurückschicken“ wusste ich zum Beispiel gar nicht.. eieiei! Aber in dem Rest der „bösen Dinge“ finde ich mich selber immer wieder – ich mache gerne Selfies, habe immer gerne hübsche Blümchen zuhause und fotografiere mein Essen (gerne auch mit Auf-den-Sessel-raufsteigen). Klar denk ich mir hin & wieder „was zum Geier mach ich denn da eigentlich?“, aber ich machs einfach gern. Und bin trotzdem am Boden der Realität 😀

    Alles Liebe, Katii

  9. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, ob mein Instagram „Cleaner“… „Blumiger“… einfach „Hipper“ sein muss, weil ich das bei anderne zum Teil auch sehr schön finde. Alles weiß und hübsch und tja…. steril irgendwie! Aber dafür müsste ICH mich verbiegen und das will ich nicht! Und auch wenn ich mein essen hübsch für’s Foto drapiere, dann weil es Spaß macht. Denn danach kommt wieder ein Foto meiner sportlichen Leidenschaft, bei der immer wieder einige Follower verschwinden… So what! Ich bin so wie auf meinem Insta-Account… und nicht anders möchte ich sein 🙂

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