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Willkommen im Polyester-Wunderland!

Willkommen im Polyester-Wunderland!

„Willkommen im Polyester-Wunderland“, höre ich mich oft sagen, wenn ich im Katalog eines gewissen Unternehmens mit 2 Buchstaben im Firmenwortlaut blättere oder durch die dicht bestückten Kleiderstangen stöbere, die man dort vor Ort im Geschäft vorfindet. Die hübsche Bluse mit Spitzeneinsatz: Polyester. Der schmal geschnittene schwarze Rock, mit den Schlitzen an den Seiten, der mir endlich mal von der Länge her passen würde: Polyester-/Viscose-Gemisch. Eine Hose mit dem Blumenmuster, nach der ich schon so lange suche: Lycra.

Während ich durch die Gänge schlendere und mich die anderen Kundinnen inklusiver zweier Verkäuferinnen schon argwöhnisch beobachten, weil ich gefühlt jedes Kleidungsstück, das ich in die Finger bekomme auf links drehe und nach dem Etikett mit der Materialzusammensetzung suche, formt sich ein Bild in meinem Kopf. Ich im Winter, mit diesem zuckersüßen Strickpulli mit dem rosa Herz vorne. Extra angezogen, weil es so kalt werden sollte und dann sitze ich im wunderbar warm beheizten Büro und fühle mich, als hätte ich mir eines dieser Schwitzzelte über den Kopf gezogen und die Heizung auf Wüstenexpedition gestellt.

„Selbst schuld“ ruft meine inner Stimme und grinst dabei hämisch. Weiß ich doch ganz genau, dass ich empfindlich bin, was Chemiefasern betrifft. Ich beneide alle Schönheiten, die nach Stunden in einem hautengen Polyester-Partykleid aussehen, als kämen sie frisch aus der Dusche. Und ich verfluche jeden Hersteller, der die neuesten, tollen Trendteile genau aus ebendiesen (günstigeren) Kunstfasern herstellt. Aber muss ich das kaufen? Nein. Will ich es kaufen? Naja… Schon. Manchmal. Hm. Und da sind wir auch schon beim Kernproblem der Sache. Kann ich mich jetzt ernsthaft hier hin stellen und sagen „Alles aus Polyester ist doof, kauft nur noch Sachen aus Baumwolle!“, wenn ich einen Blog habe, in dem es zu einem nicht unbeträchtlichen Teil um Mode geht. Um Sachen, die ich manchmal sogar von billigen Chinashops zugeschickt bekomme. Um Kleidungsstücke, die ganz sicher nicht fair gehandelt wurden und von denen ich weiß, dass sie höchstwahrscheinlich in Kinderarbeit hergestellt wurden. Und darüber hinaus hülle ich mich drei mal die Woche in Sportkleidung, die fast gänzlich aus Kunstfasern hergestellt wurde und nenne es „tolle Funktionskleidung“. Irgendwie gibt es hier einen Widerspruch, das sieht man sogar ein, wenn man sich Augen und Ohren zuhält.

Aber ich möchte hier gar nicht den Moralapostel spielen und mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Menschen deuten, die sich im Geschäft das dritte Top aus Chemiefaser in die Tüte packen lassen. Wer ohne Fehler ist, schwenke das weiße Baumwollshirt. Aber ich habe für mich selbst beschlossen, einfach noch bedachter und konsequenter einzukaufen. Schon jetzt versuche ich, Sachen die nicht aus Baumwolle sind, links liegen zu lassen. Kleidungsstücke, die ich länger haben möchte, kaufe ich nur noch in diesem Material. Dabei achte ich darauf, dass es sich wenn möglich um Bioqualität handelt. Manchmal gelingt mir das schon sehr gut – zum Beispiel mit dem hübschen Eulen- oder Vogelshirt.

Aber das alles ist für mich noch ein Lernprozess und ein Weg, der für mich keinesfalls schon bis zum Ende gegangen ist. Vor allem, weil auch Baumwolle nicht gleich Baumwolle ist und es wie so oft auch hier ungerechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen gibt. Vielleicht schaffe ich es auch einmal komplett auf Kunstfasern zu verzichten und auf Bio umzusteigen. Bis dahin ist es mir ein Anliegen, mich selbst bei der Nase zu nehmen mich weiterzuentwickeln. Trotz (Mode)-Blog vielleicht zu erkennen, dass das Äußere oft nur Schein ist und obwohl wir Blogger vielleicht alle Modepüppchen sind, wir haben einen Kopf und wir können uns Gedanken machen.

Grund meines Blogposts war eigentlich – würde ich nicht immer so abschweifen – Cotton USA, der Drittgrößte Baumwollproduzent weltweit. Auch hier geht man einen Schritt weiter und widmet sich bewusst den Themen Transparenz & Nachhaltigkeit was Produktion und soziale Verantwortung betrifft. Vor allem im Bezug auf den ökologischen Fußabdruck, eine transparente Produktionskette und sozial verantwortungsvolle Arbeitplatzkonditionen für die Textilarbeiter. Diese Neuausrichtung kann ich nur begrüßen und es trägt dazu bei, dass auch ich meine Rolle als Blogger überdenke. Ich maße mir nicht an, ein Vorbild für meine Leser zu sein, dafür gibt es viel größere und viel bedeutsamere Blogs. Aber mir ist durchaus bewusst, dass ich eine Außenwirkung habe – durch die Sachen die ich hier schreibe und zeige. Und deshalb ist es meiner Meinung nach keinesfalls verkehrt, einmal seinen Standpunkt zu überdenken, ohne jetzt gleich verkünden zu müssen, sich ab heute nur noch in selbstgewebtes Leinen zu hüllen. Ich denke, ihr versteht, was ich damit sagen will. Wie steht ihr zu diesem Thema? Um vielleicht noch ein bisschen diskutieren zu können – eure Meinungen sind herzlich willkommen – hier noch zwei Videos zu Cotton USA.

For Those Who Care


Around the World with COTTON USA

 

In Zusammenarbeit mit Cotton USA.
BUTTON 01 Transparenz auf My Mirror World

 

 

9 comments

  1. Schön das das Thema mal jemand aufgreift! Ich mache mir zwar weniger über das Material Gedanken, dafür aber über die Herstellungsbedingungen. Somit kaufe meist mit schlechtem Gewissen bei der Kette mit den „zwei großen Buchstaben“. Andere Geschäfte wie das mit dem P****k meide ich ganz. Und ich kann auch nicht verstehen warum sich anscheinend so wenig Leute Gedanken darüber machen. Und es gibt ja reichlich Hauls auf diversen Kanälen über die Einkäufe dort. Da geht leider alles über den Preis. Ich finde allerdings auch, dass man sich mittlerweile auch bei höherpreisigen Marken nicht mehr auf die Qualität verlassen kann und selbst die produzieren oft in Asien und co. Leider sind die „fair“ hergestellten Kleidungsstücke oft nicht nach meinem Geschmack. Aber ich denke jeder sollte sich einmal bewusst machen wo er einkauft und was dahinter steckt in Bezug auf Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen.

  2. Tolles Thema. Nachhaltigkeit und Bioqualität kann man als Endverbraucher kaum nachvollziehen, weil viele Firmen tricksen. Wo Bio drauf steht ist noch lange kein Bio drin. Ich habe bei einem Vortrag im Suburbia Store zum Thema „Fair Fashion Trade“ gehört, dass u.a. der Begriff „Biobaumwolle“ nicht geschützt ist. Ich denke, dass eher kleinere Shops „Nachhaltigkeit & Co.“ besser kontrollieren und beweisen können. Trotzdem ist es natürlich schön, Mode günstig zu bekommen. Und ja, auch ich sollte mehr auf die Qualität und Langlebigkeit von Kleidungsstücken achten und mir über die Produktionsbedingungen Gedanken machen… Irgendwie verdränge ich es gerne.

  3. ich habe auch ein problem mit diesen kustfasern.. wie du schon sagt.. ich mag den gedanken nicht im sommer bei 35 grad im polyesther kleid durch die gegend zu laufen. klar, so was habe ich zu hauf im schrank, aber meist lasse ich es dann doch hängen und ziehe was aus baumwolle an. ich mags einfach lieber, aber in der heutigen zeit ist es wirklich schwer geworden das bei dem schweden uns co. zu finden.

    liebe grüße!

  4. Ein toller Post! Und wie recht du hast!
    Ich mag Polyester auch nicht, aber trotzdem habe ich einige Kleidungsstücke (die nicht für den Sport gedacht sind), die zu hundert Prozent aus Plastik bestehen.
    Und auch sonst denke ich, dass viele von uns leider noch immer zu sehr nach Quantität als nach Qualität streben. Einen kleinen Tipp hier an alle Grazerinnen: Im Fair Trade Shop am Tummelplatz gibt es wirklich schöne Fair Trade Kleidung, die man auch als modebewusste Frau anziehen kann.

    1. Danke für den Tipp! Da schaue ich das nächste Mal bestimmt vorbei.

  5. Super Thema! Mir geht es da genauso. Ich fühle mich auch immer beobachtet, wenn ich im Laden alles auf Links drehe um nach dem Material zu schauen. Bei vielen Kleidungsstücken merke ich es aber auch schon beim Anfassen, dass es sich um Chemiefaser handelt! Es ist echt eine Kunst Teile aus Baumwolle zu finden, besonders beim Händler mit den 2 Buchstaben! Manchmal werde ich jedoch fündig und freue mich 😀 Ärgerlich ist es trotzdem, da sehr ansprechende Designs bevorzugt aus Chemiefaser hergestellt werden und somit nicht in meinen Kleiderschrank einziehen dürfen, denn du triffst es auf den Punkt: „..fühle mich, als hätte ich mir eines dieser Schwitzzelte über den Kopf gezogen und die Heizung auf Wüstenexpedition gestellt.“ – Wer will bitte so ein Gefühl haben?
    In Läden wie P****k kaufe ich auch nicht mehr ein! Es kann schon nicht gesund sein, wenn man in einen Laden geht und die Luft dort so nach Chemie riecht, dass man Kopfschmerzen bekommt! Die Kleidung „stinkt“ richtig!
    Die einzige Chemiefaser, die ich trage ist beim Sport, weil es einfach besser ist in einem Funktionsshirt zu joggen als in einem Baumwollshirt. Ich achte aber trotzdem auf die Qualität. Die Chemiefaser bewirkt hier auch genau das Gegenteil, dass man eben nicht so nass vom Schwitzen ist 🙂

  6. toller post…ich hab ja das blogger-event have a look organisiert. da waren wir im suburbia-store und konnten sogar noch mehr zum thema bio-baumwolle und co erfahren. denn auch hier: nicht überall wo bio drauf steht ist es auch drin…vielleicht stöberst du mal dort, wir haben alle was eingepackt 😉 tolle teile, ohne nach jute und knäckebrot auszusehen…

    groetjes
    vreeni von freak in you

  7. Ich schau auch immer auf’s Etikett. Ich kann mich ganz, ganz schlecht dazu durchringen, etwas zu kaufen, das 100% Polyester ist. Bei mir liegt es daran, dass mir die Plastiksachen total unangenehm sind, und ich dann Kleidung, die ich gekauft habe (und die im Geschäft vielleicht noch hübsch war, nach 5 Minuten an mir), nicht anziehe. Das finde ich so dermaßen dumm von mir, dass ich mir vorgenommen habe, solche Kleidung nicht mehr zu kaufen.
    Mir geht es bei dieser Frage hauptsächlich um die Materialien, weniger um die Umstände, unter denen produziert wird. Dabei kenne ich mich zu wenig aus und (so doof das klingen mag) ich habe auch die Zeit nicht, die Entstehungsgeschichte meines Leiberls zu recherchieren. Wenn ich kann, kaufe ich local, informiert und fair. Wenn nicht, wenigstens nicht Plastik 🙂

  8. Polyester in billiger Alltagskleidung abzulehnen und in (teurerer) Funktionskleidung zu tragen, ist kein Widerspruch, das ist einfach (zumindest von der Verarbeitung her) nicht das gleiche Material. Das merkt man eben auch – am Preis.

    Ich achte bei den meisten Kleidungsstücken darauf, auf Polyester zu verzichten (nicht bei allen – bei Röcken und Hosen komme ich damit klar, und bei Blazern – man zeige mir mal einen bezahlbaren ohne Polyesterfutter). Vor allem bei Pullovern und generell langärmligen Kleidungsstücken, wegen dem unangenehmen Effekt in beheizten Räumen. Ich habe wirklich ewig nach langärmligen Strickkleidern gesucht, die nicht aus Polyester bestehen, bis ich im TK-Maxx mal fündig wurde!

    Also für mich: Baumwolle, Wolle, Leinen, Viscose. Und Seide, wenn ich selbst nähe – dann ists noch bezahlbar.

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