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Frauen und Karriere: Können wir es überhaupt jemandem recht machen?

Frauen und Karriere: Können wir es überhaupt jemandem recht machen?

Ich renne fast, als ich das Büro meiner Kunden verlasse. Eigentlich bin ich schon viel zu spät dran für meinen nächsten Termin, aber mitten in der Besprechung davonlaufen ging schlecht. Vor dem Lift wartet eine Traube von Menschen, also biege ich scharf links ab und nehme die Treppe. Neben mir hastet eine Frau die Stufen hinab. Auch sie hat es eilig. „Der nächste Termin wartet“ sagt sie fast ein wenig schuldbewusst und zuckt mit den Schultern. Ich werfe ihr einen verständnisvollen Blick zu und gemeinsam eilen wir auf die Tür zu, das letzte Hindernis, das uns noch von der Straße trennt.

Fast im Gleichschritt hasten wir hinaus und entgehen nur knapp einem Zusammenstoß mit einem Kinderwagen. „Muss die gerade jetzt vom Kaffeetrinken heimfahren?“, murmelt mein gestresstes Gegenüber und wirft der Frau mit dem Kinderwagen und mir einen genervten Blick zu, bevor sie kopfschüttelnd davon eilt. Sie schaut mich an. Ich schaue zurück. Die Schublade mit den Vorurteilen ist schnell geöffnet. Und genauso schnell steckt man jemanden hinein, ohne die Hintergründe zu kennen.

Frauen und Karriere: Können wir es überhaupt jemandem recht machen?
Frauen und Karriere: Können wir es überhaupt jemandem recht machen?

 

Frauen und Karriere – können wir es eigentlich überhaupt jemandem recht machen?

Frauen. Kinder. Karriere. Was wir auch tun, wir können es niemandem recht machen. Bleibt man als „Nur-Hausfrau“ bei den Kindern, ist man eine Latte-Macchiato-Mutter, die es sich mit dem Geld des Mannes so richtig gut gehen lassen. Entscheidet man sich gegen Kinder und für die Karriere, ist man ein egoistisches Karrieremonster. Und wenn man beides möchte – Kinder und Karriere – dauert es nicht lange, bis jemand das Wort „Rabenmutter“ fallen lässt.

Wie man es also macht, es ist immer verkehrt. Und ich finde es unglaublich schade, dass es fast immer die Frauen selbst sind, die das jeweilige Karriere- oder Lebensmodell der anderen kritisieren. Viel zu oft wird Kritik unter dem Deckmantel eines guten Rates verpackt: „Du willst doch nicht, dass dich deine Kinder nicht mehr erkennen?“ oder „Meinst du nicht dass es besser wäre, wenn dein Mann auch mal was von dir hätte? Nicht, dass er irgendwann weg ist.“

Und was machen wir Frauen? Wir fühlen uns unzulänglich, halbwertig und stecken schlussendlich unsere Wünsche und Bedürfnisse zurück. Obwohl alles so gut funktioniert hat, sich die Kinder oder der eigene Mann gar nicht beschwert haben und man sich durch den Erfolg im Job richtig gut gefühlt hat. Aber vielleicht hast sie recht? Wäre es nicht besser wenn…? Sollte ich nicht lieber…?

Nein! Sollten wir nicht. Und es wäre auch nicht besser wenn. Ich sage nicht, dass es leicht wird, Karriere, Privatleben und die eigenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Aber wir haben 2017. Und meiner Meinung nach ist es wirklich längst an der Zeit, dass wir Frauen das tun dürfen, was zu uns passt. Das, womit wir uns gut fühlen. Und nicht das, wofür wir die wenigsten vorwurfsvollen Blicke ernten. Wir müssen im Alltag und im Leben genug Kompromisse eingehen. Wäre es da nicht toll, wenn wir das bei unserer Karriereplanung nicht müssten?

Frauen und Karriere: Können wir es überhaupt jemandem recht machen?

4 comments

  1. Nein, du kannst es niemandem recht machen – nur dir selbst.

  2. Ein toller Beitrag und absolut auf den Punkt gebracht…
    Ich bin nicht mehr bereit mich von anderen Beeinflussen zu lassen, sondern mache inzwischen das, was ich für richtig halte.
    So oft werde ich schräg angeschaut wenn ich auf die Frage ob ich denn noch keine Kinder habe mit „Nein“ antworte.
    Ich bin bereits seit meinem 20. Lebensjahr Selbstständig und habe mich für diese Karriere entschieden, da ich es mir nicht anders vorstellen könnte. Klar möchte ich auch mal Kinder haben und das wird auch geschehen wenn es an der Zeit ist. 😉
    Vorurteile wird es immer geben, egal was und wie wir es machen. Am besten ignorieren, sonst macht man sich nur selbst fertig!
    Liebste Grüße Tamara

  3. Ein wunderbarer Beitrag. Du sprichst mir in einer Art und Weise aus der Seele. Ich habe zwar (noch) keine Kinder – aber habe mich nach dem Studium für die Karriere entschieden. Ich stehe jetzt kurz vor meinem 3. Job nach dem Studium… und bin wie man so schön sagt die Karriereleiter emporgeklommen. Es ist schön auf eigenen Füßen zu stehen (auch wenn der Mann ebenfalls gut verdient) und ich bekomme oft einen mitleidigen Blick nach dem Motto „Warum tust du dir das überhaupt an?!“ – und ja, ich arbeite gerne. Mein Job macht mir Spaß und ja, es ist schön Geld zu verdienen – der Blick auf mein Konto macht mich glücklich. Auch wenn man immer sagt, dass Geld nicht glücklich macht. Freundinnen von mir und ehemalige Kommilitonninen geben sich mit einem Sachbearbeiterjob zufrieden: bloß keine Verantwortung übernehmen. Natürlich wird dann hinterrücks gelästert: schau mal was die sich schon wieder gekauft haben? Was die wohl verdient?

    Gutes Beispiel: Mein Freund und ich richten aktuell unser Wohnzimmer neu ein. Vor einigen Wochen waren wir mit einer Freundin von uns im Möbelhaus… und haben Sofas angeschaut (das ist die Basis für unsere Einrichtung). Sie war ganz erstaunt als wir bei den Sofas der höherpreisigen Klassen uns umgeschaut haben und meinte tatsächlich zu mir: Könnt ihr Euch das überhaupt leisten? So viel verdienst du doch auch nicht? – ich habe sie dann ganz direkt konfrontiert… „Willst Du wissen was ich verdiene!?…

    SOlche und so ähnliche Geschichten erlebe ich sehr sehr oft… und das ist sehr sehr traurig…

    Alles Liebe
    Ulla

  4. Ein wirklich toller Beitrag! 🙂

    Es ist noch gar nicht so lange her, wo ich tagtäglich (in Vietnam) verständnislose und vorwurfsvolle Blicke kassiert habe, weil ich scheinbar so lebe, wie ich es möchte bzw. die gesellschaftliche Norm nicht erfülle. ^^ „Wie du bist mit 30 noch nicht verheiratet?“, „Wie du hast mit 30 noch keine Familie gegründet?“, „Meinst du nicht, dass es ziemlich egoistisch von dir ist, dass du keine Kinder haben möchtest?“, und so weiter so fort…
    Und wenn man dann dazu steht, dass man in erster Linie Karriere machen möchte und die Welt bereisen möchte, kommt meist so etwas wie: „Verdient dein Freund nicht genug für euch beide? Dann könntest du ja zu Hause bleiben und dich ums Kind kümmern. Wo ist da das Problem?“ Hmm… wie wäre es mit: Ich möchte auf eigenen Füßen stehen und nicht (finanziell) von einem Mann abhängig sein? ^^ Oder wie wäre es mit: Ich (wir) bin (sind) noch gar nicht bereit für Kinder? ^^

    Im Grunde genommen kann man es niemandem Recht machen, außer uns selbst. Ich warte noch auf den großen Tag, von dem an wir Frauen vorurteilsfrei unser Leben so gestalten können, wie es am Besten für uns funktioniert. ^^

    LG,
    Tani

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